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Otto Pfister: »Als General kann man da nicht auftreten«

Der deutsche Trainer Otto Pfister machte in Ruanda, Burkina Faso und zehn weiteren afrikanischen Ländern Station. Mit Alois Gstöttner und Karina Lackner sprach er über »seine Buben« und seine unstillbare Sehnsucht nach dem schwarzen Kontinent. Für: »Die Presse« (25. Mai 2010) und »Liga – Magazin für Menschenrechte« (2/2010) – Wien, Mai 2010

1972, Ruanda. 1976, Burkina Faso. Wie kamen damals die ersten Engagements zustande?
Das hat sich mehr oder weniger durch Zufall ergeben. Ich habe an der Sporthochschule in Köln studiert und danach mein Hobby mit dem Beruf verbunden. Mich haben schon immer andere Religionen, Lebensweisen und fremde Kulturen fasziniert, so war ich dann ziemlich bald in Afrika.

Was hat sich in Ruanda seit Ihrem ersten Engagement 1972 verändert?
Leider nicht viel. Es gibt mehr Gebäude und einige sanierte Straßen in den Städten, aber an der sozialen Situation hat sich so gut wie nichts verändert. Das ist ein Kontinent mit sehr viel Mühe. Es fehlt an der politischen Bildung, solange es die nicht gibt, ist es sehr schwer.

Und im Fußball?
Mit dem Fußball ist das ein bisschen anders. Fußball ist dort eine Religion, hinter der alle stehen. Es gibt professionelle Ligen und unglaubliche Gegensätze. Es gibt Spieler, die verdienen um die 300.000 Dollar im Jahr und für ausländische Spieler werden bis zu einer Million Euro Ablösesumme bezahlt. Wenn sie aber gleichzeitig die Entwicklung des Landes und die soziale Situation der Bevölkerung sehen, ist das alles paradox. Der Fußball ist in vielen Ländern politisches Prestige und es wird unglaublich viel in ihn investiert. Diese Investoren mit Geld und Einfluss hätten unglaubliche Möglichkeiten ihr Land zu verändern, wenn sie beispielsweise in Kultur, Straßenbau oder Wohnbau gleichermaßen investieren würden.

Sie wechselten 16-Mal das Team bzw. das Land. Wie schwer ist es, sich immer wieder aufs neue zurechtzufinden?
Man muss sich anpassen. Man ist direkt mit einer anderen Kultur, Religion und Mentalität konfrontiert. Das muss man einfach akzeptieren. Viele Experten sind daran frustriert gescheitert und weinend zum Flughafen gefahren. Man muss sehr aufmerksam evaluieren, was ist. Und kann dann versuchen, in seinem Umfeld – das muss nicht unbedingt Fußball sein – Anstöße zu Verbesserungen zu geben, ohne den Partner zu frustrieren. Als General kann ich da nicht auftreten, damit töte ich mich ja gleich selbst. Da gibt es ja zahlreiche selbsternannte »Experten« für die dritte Welt, die versuchen mit Kapitalhilfe und allerlei »Tralala« die Welt zu verändern und dann oft große Fehler machen. Da werden wahnsinnige Projekte finanziert von denen zehn Jahre später oft nichts mehr übrig geblieben ist.

Wurden sie engagiert, weil sie ein »Deutscher«, mit all seinen zugeschriebenen Vorurteilen und Tugenden sind?
Natürlich. Da liegt ja einiges in der Luft. Den Deutschen wird ja vieles nachgesagt: strebsam, arbeitsam, pünktlich, Ehrgeiz, Know-How. Da gibt es viele Klischees. Das kommt noch aus dem Krieg, wie wir unser Land in der sogenannten Wohlstandperiode aufgebaut haben. Darum habe ich mich aber nie groß gekümmert. Ich habe in meinem Umfeld, wie zum Beispiel im Aussuchen von Talenten und der Trainerausbildung, versucht punktuell mein Bestes zu geben. Mehr kann ich nicht machen. Alles andere wären Illusionen.

Sie haben einmal gesagt: „Fußball kann man nicht lehren.“ Was meinen Sie damit?
Auf dem Papier bin ich ja Fußballlehrer. Alles, was trainierbar ist, kann man verbessern. Aber Fußballspielen ist nicht erlernbar. Das ist wie Musik oder Malerei, das ist Kunst. Wenn das einer nicht im Blut hat, kann er trainieren, so viel er will. Da geht nichts. Intuition, diese »Souplesse Naturelle« (»natürliche Geschmeidigkeit«, Anm.), das Gefühl für Zeit und Raum, das macht große Spieler aus. Wenn ich zu Referaten oder Symposien eingeladen werde, gibt es darüber immer tödliche Diskussionen. Ich bin der Meinung: Entweder er kann’s, oder er kann’s nicht. Der Rest ist Blabla.

Was bleibt da für den Trainer übrig?
Ich appelliere bei meinen Spielern immer an ihre Professionalität und sage: Der liebe Gott hat euch dieses Talent gegeben, also verschludert das nicht. Das begreifen sie dann. Ich hatte auch nie Disziplinprobleme. Bei uns in Europa gibt es ja sogenannte Strafenkataloge. Wenn da einer fünf Minuten zum Frühstück zu spät kommt, bekommt er gleich Geld abgezogen. Das können sie mit einem Eto’o nicht machen. Wenn der fünf Minuten zu spät zum Frühstück kommt, das sehe ich gar nicht. Diese Buben muss man einfach ihrer Mentalität entsprechend behandeln. Als General kann man da nicht auftreten.

Inwieweit stimmen die vermeintlichen Vorurteile, der afrikanische Fußball ist »ursprünglicher«, oder »verspielter«, die »physische Überlegenheit« und »frei von jeder Disziplin«?
Es ist ja natürlich nicht gesagt, dass jemand mit einem brasilianischen Pass automatisch ein guter Fußballspieler ist. Es ist ja auch nicht jeder Österreicher ein Richard Strauss. Aber natürlich haben viele afrikanische Spieler gewisse Veranlagungen. Das hängt damit zusammen, wie sie groß geworden sind. In Lagos oder Accra sieht man tausende Buben im Staub rumkicken. In Afrika kicken die da wirklich von klein auf jeden Tag sieben bis acht Stunden im Staub rum. Mit Bällen, die gar keine Bälle sind, wie zum Beispiel zusammengeknotete Bananenschalten. So gewinnen viele von klein auf ein Gefühl für den Ball, Zeit und Raum. Ein großer Unterschied ist auch ihre mentale Stärke. Wenn dort ein wichtiges Spiel verloren wird, ist man zehn Minuten traurig, danach lachen die Buben wieder. Samuel Eto’o hat einmal zu mir gesagt: »Wenn einer so im Elend groß geworden ist wie ich, dann erschüttert mich ein verlorenes Fußballspiel nun wirklich nicht.« Bei uns in Europa sieht man nach einer Niederlage Trainer weinen. Ähnlich ist das bei Triumphen. Nachdem ein wichtiges Spiel gewonnen worden ist, sind die Buben in Afrika zehn bis 15 Minuten euphorisch, danach sind sie wieder normal.

Wie ist das, wenn so ein afrikanischer »Bub« ein Star wird?
Einer der positiven Aspekte ist, dass natürlich eine Armutsbekämpfung stattfindet, zumindest punktuell. Afrikanische Spieler, die im Ausland erfolgreich sind, haben fast immer eine Großfamilie hinter sich. Das sind Clans von mehreren hunderten Mitgliedern. Im Falle eines guten Vertrages ist die soziale Situation so eines Clans lebenslänglich abgesichert.

Aber es kann auch schief gehen?
Die negative Seite ist, wenn einer nach Europa kommt und erfolglos bleibt. Die Franzosen, Portugiesen und Belgier haben geschichtlich gesehen schon Erfahrung mit exotischen Spielern und wissen diese auch zu behandeln. Wenn ein Spieler nach Deutschland oder Österreich kommt, hat kaum jemand Erfahrung damit. Diese Spieler kommen dann oft nicht zum Zug, weil man sich nicht um sie kümmert beziehungsweise nicht auf seine Mentalität eingeht. Oft scheitern diese Spieler dann auch sehr bald. Das ist natürlich sehr bitter, weil so ein Spieler dann mit leeren Taschen nach Hause zurückkehrt. Viele gelten ein Leben lang als gescheitert. Er wird vielleicht nicht schief angesehen oder gar verstoßen, aber man bringt ihm weniger Respekt entgegen. Das Risiko besteht, dass er damit für den Rest seines Lebens umgehen muss.

Nii Lamptey zum Beispiel. Er war 1991 U17-Weltmeister und galt als das größte Talent.
Ja, er spielte in der Juniorenmannschaft von Ghana, mit der ich Weltmeister wurde. Er wurde als bester Jugendspieler der Welt ausgezeichnet, man nannte ihn den »zweiten Pelé«. Den hat sich dann ein Agent unter den Nagel gerissen, mit einem Vertrag für Exklusivrechte bei allen Transfers. Das war unglaublich. Nii hat in 14 Jahren zwölf Mal den Klub gewechselt. Er war bei Anderlecht, bei PSV Eindhoven, danach bei Aston Villa, dann Coventry City, Venezia, Barcelona, so ging das dahin, er landete bei Santa Fe in Argentinien, kam wieder zurück nach Portugal, war dann bei Greuther Fürth in Deutschland und plötzlich in China. Und heute sitzt er wieder in Accra in Ghana. Zudem trafen ihn einige familiäre Schicksalsschläge, wie der Tod zweier Kinder. Ein solcher Spieler muss professionell betreut werden. Wenn nicht, kann eine Karriere schnell zu Ende sein.

Was ist aus seinen Kollegen aus dieser Wundermannschaft geworden?
Der Einzige von diesen Buben, der wirklich Karriere gemacht hat, war Sammy Kuffour. Der kam ohne Agent direkt zu Bayern München. Da war eine ältere Dame, die ihn umsorgt und bekocht hat, sodass er sich zu Hause fühlen konnte. Aber das war leider die Ausnahme.

Wann wird es den ersten Weltmeister aus Afrika geben?
Es gibt in Afrika zwar Weltklassespieler, aber das infrastrukturelle Umfeld stimmt nicht. Punktuell schafft man damit Erfolge. Aber Weltmeister – daran glaube ich nicht.

Wurde Ihre Arbeit je von politischen Unruhen beeinflusst?
Ich habe einiges erlebt. Regierungsumstürze, Ausgangssperren. Auf meine Arbeit hat das aber nie Einfluss genommen. Auf die Interessen des Landes natürlich umso mehr. Fußball ist ja sehr prestigeträchtig. Wenn dort zwei Spiele verloren werden, meldet sich der Staatschef beim Sportminister und fragt, was da los ist. Der geht dann auf den Verband los, und der geht auf den Trainer los. Wenn man in Afrika zwei oder drei Spiele hintereinander verliert, kann man direkt zum Flughafen fahren.

Sie haben einmal behauptet, dass die Arbeit der Fifa höher einzuschätzen ist als die der Unesco. Wie meinen Sie das?
Es gibt ja tausende Organisationen die dort sogenannte Entwicklungshilfe geben. Und das ist alles überhaupt nicht koordiniert. Da geht so viel Geld verloren. Man müsste das alles zentralisieren. Dass aus einem Topf richtig etwas läuft. Da spricht man von einem vereinten Europa, dabei gibt es da überhaupt keinen gemeinsamen Konsens. Ich treffe diese Leute dann so einmal im Monat auf ein Bier, da kann man dann sogenannte Experten aus 12 bis 14 verschiedenen Ländern treffen. Jeder macht irgendwas. Da kann ich nur den Kopf schütteln. Die Fifa arbeitet da wirklich sehr professionell. In allen größeren Ländern gibt es ein Zentrum, das aus einem administrativen Gebäude, einem Hotel, vier bis fünf Trainingsplätzen, Hallen, Schwimmbad usw. besteht, und in dem Experten heimische Trainer ausbilden. Oder Crews bestehend aus einem Trainer, einem Instructor, einem Schiedsrichter, einem Arzt usw. werden in der Welt herumgeschickt, wie zum Beispiel Jordanien oder Ruanda um einen Ausbildungslehrgang zu organisieren.

Apropos Entwicklungsarbeit: Interesse an einem Trainerjob in Österreich?
Ich würde Österreich ja weniger als Entwicklungsland, sondern mehr als Schwellenland bezeichnen. Österreich, ja, das wäre natürlich auch eine Option. Aber wenn ich die freie Wahl hätte, würde ich mich lieber für Brasilien entscheiden.

Man liest es gibt bereits einen neuen Job für Sie nach der Weltmeisterschaft. Wohin geht die Reise?
Ich habe einige Kontakte, bin aber während der Endrunde bei einer Fernsehstation als Ko-Kommentator für exotische Spiele engagiert. Nach der Weltmeisterschaft würde ich aber gerne wieder als Trainer arbeiten. Da ich zuletzt in Afrika war, tendiere ich zu Asien oder Südamerika. Ich würde aber auch jederzeit wieder nach Afrika zurückgehen.

Ihre Liebe zu Afrika. Können Sie die in Worte fassen?
Das ist wie ein Virus. Wenn ich in Europa bin, habe ich ja alles. Aber nach drei oder vier Monaten fehlt mir etwas, und ich verspüre diesen inneren Drang. Schon als Bub mit acht Jahren habe ich alle Bücher von Karl May, Sven Hedin, oder Richard Francis Burton, dem Entdecker des Nils, gelesen. Ich hatte ständig dieses Fernweh. Das habe ich heute noch. Mir fällt es schwer, mich hier zu integrieren. In diese Konsumgesellschaft, in der alles geregelt ist. Ich hatte nie so viele Parkbußen und Geschwindigkeitsüberschreitungen wie hier in Europa, weil ich mich hier einfach so schlecht einordnen kann.

Wer wird der kommende Weltmeister?
Ich gehe davon aus, dass er aus Argentinien, Brasilien oder Spanien kommen wird.

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Category Interviews Journalismus News Tags Time Mai 14, 2010 11:20 am